Gerfried Reis von der österreichischen Womo-Webseite WoMo Guide kommentiert die drohenden Fahrverbote für Diesel-Wohnmobile in Deutschland. (Foto: WoMoGuide)

Gerfried Reis von der österreichischen Womo-Webseite WoMo Guide kommentiert die drohenden Fahrverbote für Diesel-Wohnmobile in Deutschland. (Foto: WoMoGuide)

Gastkommentar – Gerfried Reis vom WomoGuide Graz

C-Kennzeichen, Gastbeitrag, Wohnmobil

Gerfried Reis von der österreichischen Wohnmobil-Webseite WoMoGuide aus Graz hat sich die Situation in Deutschland nach dem Leipziger Urteil zu Fahrverboten angeschaut und kommentiert für D.C.I. das hektische deutsche Treiben aus Sicht unseres Nachbarn.

Bedeuten die in Deutschland beschlossenen Dieselfahrverbote das Ende für Wohnmobile mit Dieselmotor? Wir sagen: Nein. Zumindest nicht auf absehbare Zeit. Die panischen Reaktionen vieler Wohnmobilisten halten wir für überzogen, und die Sorge in vielen Fällen nur teilweise berechtigt. Warum das so ist, stellt Gerfried Reis von der österreichischen Webseite WomoGuide hier dar.

Die Angst vor dem Dieselfahrverbot für Wohnmobil-Reisende

Hört man sich in Foren und Facebook-Gruppen um, dann herrscht derzeit Aufregung, begründet in relativ unbestimmten Ängsten:

  • Angst vor massivem Wertverlust des Wohnmobils
  • Befürchtungen, das Wohnmobil nicht mehr verkaufen zu können
  • Angst, das Wohnmobil nicht mehr nutzen zu dürfen

Viele Wohnmobil-Reisende planen einen sofortigen Verkauf, um etwaigem Wertverlust zuvorzukommen. Manche denken über einen Umstieg auf Wohnwagen mit Benziner-Zugfahrzeug nach. Käufer, die kurz vor der Kaufentscheidung stehen, fragen sich, ob sie nicht besser ein, zwei oder drei Jahre warten sollen. Dieselfahrverbote – was auf Wohnmobil-Reisende zukommt. Die Luftbelastung ist in sehr vielen europäischen Städten enorm. Dass früher oder später etwas dagegen getan werden muss, zeichnet sich seit Jahrzehnten ab.

Leider schaffen es Politiker offensichtlich nicht, langfristig zu planen und sinnvolle Lösungen zu entwickeln. Das Resultat sind dann halb-durchdachte Schnellschüsse, und dazu gehören nunmal auch Dieselfahrverbote (ohne aber vernünftige Alternativen anbieten zu können). Ob Fahrverbote explizit für Dieselfahrzeuge aber überhaupt zulässig sind, war in Deutschland bislang noch unklar. Am 27. Februar 2018 wurde vom deutschen Bundesverwaltungsgericht nun aber festgestellt, dass Fahrverbote für Dieselfahrzeuge generell zulässig sind.

Olya und Gerfried Reise betreiben in Graz die Wohnmobil-Webseite WoMoGuide. (Foto: WoMoGuide)
Olya und Gerfried Reis betreiben in Graz die Wohnmobil-Webseite WoMoGuide. (Foto: WoMoGuide)

Das heißt also, Städte dürfen das Fahren mit Dieselfahrzeugen verbieten. Weder gibt es aber eine flächendeckende Vorschrift, noch ist klar, inwiefern genau Städte das Verbot nützen werden. Dass Verbote kommen werden, steht aber praktisch außer Frage. Das Bundesumweltamt schlägt nun blaue Plaketten vor, durch die dann Fahrzeuge ab Euro 5 von Dieselfahrverboten ausgenommen würden. Auch unterschiedliche Schattierungen (dunkelblau für Euro 6d) sind im Gespräch. Das bedeutet also, dass man bereits bei einem 2018 gekauften Euro 6-Wohnmobil mit hellblauer Plakette als potentieller Luftverschmutzer markiert wird, und auch dunkelblau wird nicht der letzte Farbtupfer im Plakettendschungel sein.

Wen Dieselfahrverbote wirklich treffen? Nun trifft das Dieselfahrverbot Pkw-Fahrer, Pendler und Stadtbewohner hart. Wer gezwungen ist, in Stadtgebiete einzufahren und dafür keine geeigneten Alternativen vorfindet, wird durch Verbote beeinträchtigt werden. Ein Überangebot an Dieselfahrzeugen und geringere Bereitschaft der Käufer, diese auch zu kaufen, wird zu Wertverlusten führen. Doch sind Dieselfahrverbote auch für Wohnmobil-Reisende ein Thema? Nun, wir denken, vorerst nicht.

Wohnmobilreisen sind selten Städtetrips

Wenn wir mit dem Wohnmobil unterwegs sind, dann fahren wir in die Berge, an den Strand, in die Natur. Städtetrips gehörten zwar in der Vergangenheit auch schon mal zum Programm, sind aber eher die Ausnahme. Wir denken, dass es die meisten Wohnmobil-Reisenden so halten. Und selbst wenn Städtetrips im Programm stehen: Campingplätze liegen oft etwas außerhalb von Städten. Von dort aus kann man dann mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder dem Fahrrad die Stadt erkunden.

Das bedeutet also, dass Wohnmobile durch Dieselfahrverbote in ihren typischen Nutzungsszenarien erstmal nicht oder nur wenig eingeschränkt werden. Ausnahmeregelungen sind möglich Die Tourismusindustrie ist nicht untätig. Bereits für die Umweltzone Stuttgart gab es Ausnahmen für Wohnmobile. Für die Dieselfahrverbote sind bereits Ausnahmeregelungen für Handwerker im Gespräch. Es ist zu hoffen, dass solche auch für Wohnmobile (zumindest für Urlaubsreisen) beschlossen werden.

Eine solche Ausnahme könnte das C-Kennzeichen darstellen, ein dem H-Kennzeichen ähnliches Kennzeichen, das von Regeln wie Umweltzonen und Fahrverboten ausgenommen ist. Die Initiative dazu wurde im Februar 2018 gestartet, und unterzeichnen kannst du sie hier.

In Sicherheit dank Wohnmobil mit Euro 6?

Im Jahr 2014 war die Schadstoffklasse Euro 5 noch State-of-the-Art. Auch 2015 wurden Neufahrzeuge damit noch verkauft. Nun, gerade mal drei bis vier Jahre später spricht man von „Diesel-Stinkern“. Welche Garantie gibt es also, dass man im Jahr 2022 nicht auch Euro 6d-Fahrzeuge mit diesem Namen versieht? Keine. Zudem ist nicht jeder in der Lage, sich ein neues Wohnmobil zu kaufen. Gebrauchtkäufer können sich nur für oder gegen das Wohnmobil-Reisen entscheiden, Fahrverbote hin oder her.

Den Wohnmobilkauf verschieben?

Wenn du nicht jetzt mit dem Wohnmobil unterwegs sein willst, kannst du natürlich warten. Irgendwas macht die nächste Fahrzeuggeneration immer besser (wenn auch nicht alles). Aber wieviel Sicherheit bietet die nächste Schadstoffklasse in Bezug auf Dieselfahrverbote wirklich? Die nächste Schadstoffklasse kommt bestimmt. Warten verschiebt das Problem nur in die Zukunft, denn auch nach Euro 6d wird es weitere, strengere Normen, weitere Verbote geben. Außerdem: Ist es eine neuere Fahrzeuggeneration wert, auf ein oder zwei Jahre Reisen im Wohnmobil zu verzichten?

Vor Allem unter dem bereits besprochenen Gesichtspunkt, dass auch ein neueres Wohnmobil keine andauernde Sicherheit vor Einschränkungen bietet? Soll ich auf einen Benziner im Wohnmobil setzen? Nur, wenn du ein Ami-Wohnmobil mit seinem hohen Benzinverbrauch importieren willst. Ansonsten wirst du wirklich wenig Auswahl im Wohnmobilmarkt finden und wahrscheinlich auf einen Selbstausbau angewiesen sein.

Und dann wirst du mit höherem Verbrauch, geringen Reichweiten und geringerem Drehmoment leben müssen. Viel wichtiger ist aber, dass auch Benzin nur eine Lösung auf Zeit darstellt. Der Grund: Auch moderne Benzindirekteinspritzer haben ein massives Feinstaubproblem. Dies wird derzeit seitens der Politik noch vollkommen ignoriert – es gibt aber keinen Grund anzunehmen, dass dies so bleibt. Wenn man mit dem Diesel durch ist, wird sicher der Benziner unter die Lupe genommen. Irgendwie muss man die Leute ja schließlich zum Kaufen neuer Fahrzeuge bewegen.

Es gibt keine Alternativen zum Diesel-Wohnmobil

2018 gibt es also in Europa keine wirkliche Alternative zum Wohnmobil mit Dieselmotor:

• Transporter, die fast immer die Wohnmobil-Basis darstellen, sind kaum als Benziner verfügbar. Von Wohnmobil-Ausbauern werden sie gar nicht angeboten. Nicht ohne Grund, der Diesel ist schlicht die besser geeignete Motorisierung. Wären Benziner verfügbar, hätte man als Wohnmobil-Reisender, der weiter als bis zur Nachbarstadt fährt, keine große Freude mit Benzinverbrauch und/oder Kraft und Langlebigkeit des Motors.

• Einzig der Import eines amerikanischen Wohnmobils bleibt als Option, sofern man dafür eine Zulassung bekommen kann und den nicht geringen Benzinverbrauch akzeptiert.

• Für Selbstausbauer existiert die Option Benzinmotor nur theoretisch, denn nur ganz vereinzelt trifft man Benzin-Wohnmobile an.

• Elektro-Wohnmobile sind zwar als Studien verfügbar, bieten heute aber eine Reichweite, die für Reisemobile absolut untauglich ist, ganz abgesehen von den Kosten. Auch das ist heute keine echte Alternative.

Als echte Alternativen bleiben somit nur klassische Pkw-Urlaube, Flugreisen (ob die Umwelt dafür dankbar ist?) oder der Umstieg auf den Wohnwagen. Ein Verzicht aufs Wohnmobil ist aber für die wenigsten eine Lösung. Das bedeutet: Wer mit dem Wohnmobil reisen will, macht das mit einem Diesel-Wohnmobil. Eine rechtssichere Lösung für die nächsten 20 (oder auch nur zehn) Jahre wird derzeit niemand finden.

Man muss sich daher eher der Entscheidung „Wohnmobil – ja oder nein?“ stellen, als der Frage nach der besten Motorisierung. Wertverlust des Wohnmobils dank Dieselfahrverbot? Die Angst vor dem Wertverlust des Wohnmobils ist berechtigt. Doch wenn du den Artikel bis hier hin gelesen hast, dann weißt du, dass es zum Wohnmobil mit Dieselmotor bislang keine Alternativen gibt. Daher halten wir die Gefahr eines massiven Wertverlusts für gering. Neufahrzeuge sind erstmal nicht betroffen. Sie bekommen ohnehin „saubere“ Dieselmotoren und müssen sich erst in ein paar Jahren Gedanken machen. Doch auch Gebraucht-Wohnmobile werden nicht plötzlich wertlos werden, denn:

• Die Wohnmobil-Branche boomt, die ohnehin bereits hohen Absatzzahlen steigen jedes Jahr. Preise sind schlussendlich immer eine Frage von Angebot und Nachfrage. Wenn die Nachfrage groß ist, ist ein sinkender Preis erstmal unwahrscheinlich.

• Ebenso unwahrscheinlich ist es, dass sich all jene, die sich für ein gebrauchtes Wohnmobil interessieren, plötzlich in der Lage sind, sich für ein Neufahrzeug zu entscheiden.

• Wenn Wohnmobile ohnehin kaum in der üblichen Nutzung eingeschränkt werden, sind Dieselfahrverbote auch keine sehr gewichtigen Argumente bei der Preisverhandlung. Dass für Gebrauchtkäufer die Alternativen fehlen, wissen sowohl Käufer als auch Verkäufer.

• Ein Wertverlust wurde bereits zu Zeiten des Dieselskandals befürchtet. Kurzzeitig herrschte Angst, manche verkauften ihren Diesel, andere schlugen bei günstigen Angeboten zu. Dann geriet das Thema wieder in Vergessenheit, und die Leute fuhren weiter Diesel.

Niemand kann die Zukunft vorhersehen, doch auch ein möglicher Wertverlust sollte niemanden von dieser schönen Art des Reisens abhalten. Wohnmobil-Fahren kostet Geld, doch kaum jemand weint dem jährlichen Wertverlust nach, den es auch ohne Dieselproblematik (wie bei jedem Fahrzeug) gibt. Wer und wie Dieselfahrverbote kontrolliert werden, das ist noch völlig unklar. Die deutsche Polizei stellte bereits klar, dass es keine Ressourcen gibt, um die Einhaltung des Dieselfahrverbots zu kontrollieren und Verstöße zu ahnden. Wie sinnvoll ein Gesetz ist, das nicht durchgesetzt wird, zeigt die Umweltplakette. User in Foren sind sich einig, dass diese so gut wie gar nicht explizit kontrolliert wird (außer, man hat das Pech, in eine Verkehrskontrolle zu geraten).

Damit wollen wir nicht sagen, dass Verbote ignoriert werden sollen. Wer aber 200 Meter innerhalb eines Stadtgebiets wohnt, und sich nun fürchtet, dieses mit dem Wohnmobil nicht mehr verlassen zu dürfen, wird das Risiko vielleicht dann doch eingehen, anstatt aufs Wohnmobil zu verzichten.

Heißt das, WoMoGuide ist gegen Dieselfahrverbote?

Nein, nicht unbedingt. Wenn wir an unserer schönen Welt noch länger Freude haben möchten, müssen wir etwas für die Erhaltung derselben tun, soviel ist offensichtlich. Doch Verbote sollten dort ansetzen, wo man auch tatsächlich etwas bewegt. Sollte man Wohnmobilfahrern das Fahren verbieten? Das ist dann wohl doch eher der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Verboten sollte immer die Erarbeitung von Alternativen vorangehen.

Unserer Wahrnehmung nach bieten relativ wenige Städte wirklich zufriedenstellende Lösungen in Bezug auf öffentlichen Verkehr, Fahrradnutzung, Heizungsanlagen und Industrie an. Insbesondere dürfen Verbote auch nicht über das Ziel hinausschießen. Einem Wohnmobilfahrer, der im Stadtgebiet wohnt, zu verbieten, einmal alle zwei Wochen aus dem Stadtgebiet hinaus-, und am Ende einer Reise wieder hineinzufahren, bewirkt so gut wie nichts für die Luftqualität. Wohnmobile fahren normalerweise nicht täglich im Stadtverkehr.

Hier ist zu hoffen, dass wieder Ausnahmeregelungen (wie bei der Umweltzone Stuttgart) geschaffen werden. Fakt ist, dass Wohnmobile sicher keinen relevanten Faktor in Bezug auf die städtische Luftverschmutzung darstellen. Selbst insgesamt gesehen stellt das Wohnmobil-Reisen eine relativ ökologische Variante zu Reisen dar.

Fazit

Wer mit dem Wohnmobil reisen möchte, sollte sich eines anschaffen, und die Zeit unterwegs genießen.  Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Änderungen der Gesetzgebung gibt es immer wieder, und man muss dann, wenn es soweit ist, damit umgehen. Dabei stellt sich als erstes die Frage, ob man von Verboten überhaupt betroffen ist. Alternativen zum Wohnmobil mit Dieselmotor bieten sich derzeit nicht an, und warten bringt nichts: Die nächste Verbotswelle wird kommen, und was heute als „sauber“ gilt wird in wenigen Jahren wieder als „Stinker“ tituliert werden. Bis das Elektrowohnmobil eine für Wohnmobile taugliche Reichweite hat, wird es noch lange dauern.

Infos: Zur Webseite von WoMoGuide

Claus-Detlev Bues

Claus-Detlev Bues

Claus-Detlev Bues ist seit Jahrzehnten in leitenden Funktionen als Fach-Redakteur in den Bereichen Caravaning, Off-Road und Outdoor tätig. Neben mehreren Print-Titeln verantwortet er nun auch als D.C.I - Chefredakteur die Online-Berichterstattung und betreut darüber hinaus die Bereiche Test und Technik. Aus seiner Feder stammen mehrere Sachbücher zum Thema Caravaning. In seiner Freizeit schraubt er gerne an Oldtimern und ist aktiver Selbst- und Ausbauer von Wohnmobilen, mit denen er in ganz Europa unterwegs ist.
Claus-Detlev Bues