Perle am nordwestlichen Rand der Mecklenburger Seenplatte: Die Hauptstadt Schwerin. (Foto: Schwerin Tourismus)

Perle am nordwestlichen Rand der Mecklenburger Seenplatte: Die Hauptstadt Schwerin. (Foto: Schwerin Tourismus)

Wo der Landtag im Märchenschloss wohnt

Freizeit, Kunst & Kultur, Reise, Tourismus

Von Politikern und Abgeordneten, die sich mit Vorträgen, Büchern, Aufsichtsratsposten und anderen Nebenverdiensten irgendwo in Deutschland ein paar Euro dazuverdienen, davon haben wir schon gehört und gelesen. Aber Landtagsabgeordnete, die ihre dienstlichen Tätigkeiten in einem prunkvollen Märchenschloss ausüben dürfen – das gibt es nur in Schwerin. 

Aber das sind noch längst nicht alle Besonderheiten und Attraktionen, mit denen uns diese tolle Stadt am nordwestlichen Rand der Mecklenburger Seenplatte überrascht hat. Wir haben uns bei unserem Besuch in Schwerin für die Anreise über die Landstraßen, Alleen und kurvenreichen Nebenstraßen entschieden.

Und es macht Spaß, auf diese Stadt zuzufahren, denn Stellplätze für Wohnmobile gehören, ganz im Gegenteil zu vielen anderen deutschen Städten, in der Hauptstadt von Mecklenburg-Vorpommern zur absoluten Selbstverständlichkeit. Wir haben uns für das Sportbootzentrum Ziegelsee entschieden. Acht große Stellplätze direkt am Seeufer stehen dort zur Verfügung. Alles, was das Herz eines Campers erfreut, ist vorhanden, und in wenigen Minuten ist man mit dem Fahrrad in der Innenstadt.

Krieg, Zerstörung und Napoleon

Nach dem Frühstück machen wir uns auf den Weg in die Stadt, die auf fast 1.500 Jahre Geschichte zurückblicken kann. Stadtbrände im 16. und 17. Jahrhundert vernichteten gewachsene Strukturen, Spuren der Zerstörung hinterließ auch der Dreißigjährige Krieg, und Auseinandersetzungen zwischen Fürsten und Ständen zerrütteten über Jahrhunderte die Gesellschaft. Erst nach dem Ende der französischen Besetzung unter Napoleon im Jahr 1813 stieg die Einwohnerzahl rasant, und  Schwerin entwickelte sich in den folgenden zwei Jahrhunderten zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum in Mecklenburg-Vorpommern.

„Oben-ohne Rundfahrt“

Nicht viele Städte bieten den Besuchern solch interessante Angebote, einen ersten, aber umfassenden Eindruck der besuchten Stadt zu gewinnen. Allein vier verschiedene Stadtrundfahrten mit unterschiedlichen Verkehrsmitteln werden angeboten. Wir haben uns für eine Stadtrundfahrt mit dem roten Doppeldeckerbus entschieden – spannende, informative, humorvolle und abwechslungsreiche Begleitung durch einen erfahrenen Stadtführer inklusive. Der Cabrio-Bus kommt natürlich nur bei schönem Wetter zum Einsatz, und der Vorteil dieser Doppeldecker-Rundreise durch Schwerin ist, dass man überall und immer wieder den Bus verlassen – und später jederzeit wieder zusteigen kann.

Schwerins Parkanlage

Start und Ziel der Stadtrundfahrt ist der Parkplatz vor dem weltberühmten Schloss von Schwerin. Nur einen Steinwurf entfernt ist der Eingang zu der großartigen Parkanlage, die mit ihrem üppigen Grün und der verschwenderischen Blumenpracht die Besucher in ihren Bann zieht. Die toll angelegten Gärten zwischen Altstadt und Seen sind in ihrer Art einzigartig. Vom Wasser umgeben und nah der Innenstadt brauchen sie wahrhaftig keinen Vergleich mit anderen Parkanlagen zu scheuen.

Heute findet man auf diesem eindrucksvollen Gelände alte und neue Gartenbaukunst harmonisch vereint. Die große Freilichtbühne wird während des jährlichen Gartensommers für abwechslungsreiche Veranstaltungen genutzt. Nicht nur bei strahlendem Sonnenschein und während des berühmten Schweriner Kultur- und Gartensommers ist ein Spaziergang durch diese Parkanlage mit der künstlichen Grotte und der wunderschönen Orangerie ein besonderes Ereignis.

 Zu Gast beim Kriegsfürsten

Seit drei Stunden sind wir nun schon in Schwerin auf den Beinen, höchste Zeit für eine Mittagspause, und da wir das Schloss als nächsten Punkt auf unserer Besichtigungs-Liste haben, suchen wir uns ein schönes Plätzchen im Restaurant Wallenstein. Direkt gegenüber der Schlossinsel gelegen, bietet sich von hier ein fantastischer Blick über den See und auf das größte Schloss Norddeutschlands. Im Namen führt das nicht nur bei Touristen beliebte Café den Namen des Oberbefehlshabers der Kaiserlichen Truppen im 30-jährigen Krieg. Wallenstein gilt als der erfolgreichste und ehrgeizigste Feldherr in der ersten Hälfte des erbarmungslosen Krieg der Konfessionen, der auch Schwerin in Mitleidenschaft gezogen hat.

Wo das Petermännchen und der Landtag zu Hause sind

Die Schlossinsel im Schweriner See war bereits vor mehr als 1000 Jahren Standort einer slawischen Festung. Ob schon damals das Petermännchen den Bewohnern der Burg einen Schrecken einjagte, das wissen wir nicht. Doch darüber später mehr. Einzigartiges Wahrzeichen ist nun mal das märchenhafte Schloss auf einer Insel im Schweriner See. Über Jahrhunderte wurde angebaut, abgerissen, umgebaut und erweitert. Mit Abschluss der letzten Umbauarbeiten im Jahr 1857 zog Großherzog Friedrich Franz der II. mit seiner Familie feierlich in das Schweriner Schloss ein. Im Jahr 1913 entzündete sich im Elisabethzimmer ein Schwelbrand.

Da das ausgebrochene Feuer auch auf die gelagerte Munition übergriff, wurde der Brand von Explosionen begleitet, die einen ohrenbetäubenden Lärm und katastrophale Schäden verursachten. Beim diesem Großbrand wurde etwa ein Drittel des historischen Baus zerstört. Im Jahr 1921 öffnete das beeindruckende Schlossmuseum seine Pforten. Hier können Besucher die Wohnung und die Repräsentationsräume der Großherzöge, den prunkvoll gestalteten Thronsaal und vieles Interessante mehr bewundern. Seit 1990 beherbergt ein Teil der Schweriner Märchenresidenz auch den Landtag von Mecklenburg Vorpommern.

Apropos Petermännchen. In den riesigen Kellergewölben des Schweriner Schlosses hat das sagenumwobene Petermännchen, ein kleiner und gutmütiger, aber finster dreinblickender Kobold und Hausgeist sein Zuhause. Als Hüter und Wächter des Schlosses belohnte die Zwergengestalt die Ehrlichen und Guten, während Diebe und fremde Eindringlinge mit Plagen, Späßen und durch nächtliches Poltern bestraft oder vertrieben wurden. In den Kellergewölben selbst konnten wir das Petermännchen nicht entdecken, und auch sonst ließ uns der Poltergeist in Ruhe, um das fantastische Schloss intensiv zu besichtigen.

Barockkirche und Königsgrab

Voll mit Eindrücken, Geschichten und Bilder verlassen wir die noble Adresse für Landtagsabgeordnete und wünschen dem Kobold im Keller noch aufregende Jahrhunderte. Für einen Besuch reichen das Licht und die Zeit noch, nur wenige Schritte durch die Stadt nach Norden – und wir erreichen die Schelfkirche.  In der Gruft dieser imposanten Kirche ruhen Mitglieder des großherzoglichen Hauses, darunter die 1735 verstorbene Sophie Louise, Königin von Preußen.

Fisch und Mehr

Wir überlegen kurz, ob wir zurück zu unserem Stellplatz fahren, oder dem Tipp unseres Smartphones folgen sollen, dem wir die Suche nach einem Fischrestaurant übertragen haben. Landestypische, regionale und saisonale Küche, das ist für uns auf allen Reisen eine der Voraussetzungen, um ein Land, eine Region, eine Stadt richtig kennen zu lernen. Und Fisch gehört zu „Meck-Pomm“ wie Pasta zu Italien. Daher ist die Entscheidung für das Restaurant „Lukas – Fisch und Mehr“ nur logisch. Barschfilets aus den Schweriner Seen mit Rahmkohlrabi, einfach lecker.

 Haus der Holländischen Meister

Da uns das Wetter am nächsten Morgen für längere Unternehmungen im Freien zu unsicher erschien, begaben wir uns auf eine kleine kulturelle Entdeckungsreise durch Schwerin. Das größte Kunstmuseum des Landes befindet sich am Alten Garten, gleich neben Schloss und Mecklenburgischem Staatstheater. Der Bau des Galeriegebäudes wurde 1837 als Neues Palais für den Großherzog Paul Friedrich begonnen. Erst 40 Jahre später wurde das Gebäude für die herzogliche Kunst- und Raritätensammlung fertiggestellt. Heute beherbergt das Staatliche Museum unter anderem eine der größten Niederländer-Sammlungen Europas (u.a. Brueghel, Rembrandt, Rubens, Hals), Malereien und Plastiken des 18. bis 20. Jahrhunderts (u.a. Caspar David Friedrich, Corinth) und das Café KunstPause. Für den Kunstinteressierten geht an einem Besuch des Staatlichen Museums kein Weg vorbei. Nicht nur bei schlechtem Wetter!

Ein Garten mitten in der Stadt

Der Alte Garten ist einer der schönsten und imposantesten Plätze Norddeutschlands. Er ist der Schlossinsel vorgelagert und war einst höfischer Nutzgarten. Vor der prachtvollen Kulisse von Schloss, Museum und Schweriner See finden auf dem großen Alten Garten alljährlich die beliebten Schlossfestspiele des Mecklenburgischen Staatstheaters statt. Der Platz strahlte trotz des trüben Wetters eine faszinierende Atmosphäre aus.

117 Meter und 220 Stufen – Marktplatz und Dom

Nur einen Steinwurf nördlich vom Alten Garten erreicht man einen weiteren, städtebaulichen Höhepunkt der Landeshauptstadt. Auf dem Altstädtischen Markt stehen das Rathaus im Tudorstil, das Löwendenkmal, welches an die Gründung der Stadt erinnert, und das strahlend schöne Säulengebäude. Es war einst eine traditionelle Markthalle und beherbergt heute ein Café. Hinter ihm ragt der mächtige Dom empor.

Der 105 Meter lange Bau wurde von 1260 bis 1416 als gotische Basilika mit dreischiffigem Querhaus errichtet. Der 117,5 Meter hohe Turm – damit übrigens Mecklenburgs höchster – wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts errichtet. Die Bewältigung der 220 Turmstufen artet in Anstrengung aus, lohnt sich aber. Unser Tipp: Wer sich davon überzeugen will, in welch phantastischer Lage sich die Stadt Schwerin, eingebettet in Wälder, Seen und weitläufiger Landschaft wirklich befindet, der sollte auf den Rundblick vom Turm auf keinen Fall verzichten.

Der Pfaffenteich

Das Wetter ist auf unserer Seite, prächtige Voraussetzung also für einen Rundgang um den Pfaffenteich, der sich mitten in der Altstadt befindet. Rund um den im 13. Jahrhundert künstlich angelegten Mühlenteich gibt es zahlreiche stilvolle Gebäude. Besonders interessant ist das Arsenal. Es wurde 1837 im Stil der Tudorgotik als Waffenkammer der großherzoglichen Armee erbaut und ist heute Sitz des Innenministeriums von Mecklenburg-Vorpommern. Die Lindenpromenade führt rund um den Pfaffenteich und die Südufertreppen sind im Sommer ein Dauermagnet für Spaziergänger, Touristen und Sonnenanbeter. Die vielen Veranstaltungen, wie Altstadtfest und Drachenboottage, erhöhen die Attraktivität dieser Anlage. Die kleine Fähre „Petermännchen“(da ist der lustige Kobold schon wieder!) verkehrt regelmäßig zwischen vier Anlegestellen.

Historische Investition – Die Schelfstadt

Die Schelfstadt besticht durch das größte zusammenhängende Ensemble historischen Baubestands in Schwerin. Herzog Friedrich Wilhelm ließ das Gebiet 1705 als Neustadt planmäßig anlegen. Besonders Kaufleute und Handwerker sollten mit finanzieller Unterstützung des Herzogs angelockt werden. Ziel war die Belebung der Wirtschaft und die politische Selbständigkeit. Erst 1832 wurde die Schelfstadt mit Schwerin vereint. Heute begeistert sie die Besucher durch ihre unzähligen Fachwerkhäuser auf dem Schelfmarkt und in den vielen umliegenden Straßen.

Es klappert die Mühle…

Jetzt ist die alte Schleifmühle unser Ziel. Im Laufe ihrer Geschichte diente die 300 Jahre alte Wassermühle mal als Lohmühle, als Graupenmühle oder als Wollspinnerei. Die meiste Zeit jedoch arbeitete sie als landesherrliche Steinschleiferei, in der große Granitsteine für die fürstlichen Bauten geschnitten und poliert wurden. In einer Schauanlage demonstrierte uns ein Steinschleifer anschaulich die Kunst des Schneidens und Polierens von Granit mit der Technik des 18. Jahrhunderts. Im romantischen Garten der Schleifmühle konnten wir Natursteine, historische Produkte der Steinbearbeitung und eine große Steinsäge aus der Frühzeit der motorgetriebenen Maschinen bewundern. Das Gesamtensemble der Mühle schaffte es, uns für kurze Zeit ins Mittelalter zurückzuversetzen.

Fazit

Wer politische Ambitionen hat, der sollte sich unbedingt in den Landtag von Mecklenburg-Vorpommern wählen lassen. Schönere Arbeitsbedingungen als im Schweriner Schloss dürfte man kaum finden, und was spricht dagegen,  in einer Stadt zu leben, die sich schon vor Jahrhunderten gekrönte Häupter zu ihrem Regierungssitz auserkoren haben. Eingebettet zwischen Seen, Wäldern und einem beeindruckenden Umland hat sich die kleinste Landeshauptstadt Deutschlands im Laufe der Jahre zu einem kulturellen und touristischen Schmuckstück in Mecklenburg-Vorpommern entwickelt. Doch nicht nur die phantastische Lage in Deutschlands größter Seenplatte, auch das reichhaltige Angebot an weitläufigen Parkanlagen, historischen Sehenswürdigkeiten und attraktiven Freizeitmöglichkeiten machen diese lebendige Stadt zu einem echten Geheimtipp für Reisemobilisten, die in dieser Stadt mit offenen Armen empfangen werden.

Infos:   Zur Webseite von Schwerin

 


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Hans-Christian Bues

Hans-Christian Bues, geboren in Bad Harzburg, lebt und arbeitet als Journalist, Reiseschriftsteller und freier Autor in Königswinter am Rhein. Für seine Reportagen, Reiseerzählungen und Abenteuerromane war er neben dem kanadischen Yukon Gebiet in Alaska, Amerika, Asien, Australien, Russland und vielen anderen Länder der Welt unterwegs. Er ist ein langjähriger und erfahrener Reisemobilist, schreibt regelmäßig Fahrzeugtests und betreut für das D.C.I den Bereich Freizeit, Reise und Touristik.
Hans-Christian Bues