Fahrwerks-Spezialist Al-Ko bachte mit dem revolutionären amc-Chassis Fahrkomfort und Sicherheit in die frühe Caravaningbranche. (Foto: D.C.I.-Archiv / Al-Ko)

Fahrwerks-Spezialist Al-Ko brachte mit dem revolutionären amc-Chassis Fahrkomfort und Sicherheit schon früh in die Caravaningbranche. (Foto: D.C.I.-Archiv / Al-Ko)

D.C.I.-Meilensteine des Caravaning – Das Al-Ko amc-Chassis für Reisemobile

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In der Rubrik „Meilensteine“ will das D.C.I. wichtige Erfindungen der Caravaning-Branche vorstellen, die Geschichte geschrieben haben. Zum Caravan Salon 1985 in Essen stellte Fahrwerksspezialist Al-Ko aus Kötz ein leichtes und flaches Tiefrahmenchassis für den Fiat Ducato vor, das ohne Schweissarbeiten angeflanscht werden konnte und die junge Reisemobilbranche revolutionierte.

Angeflanscht – Al-Ko konstruiert ein leichtes Tiefrahmen-Chassis für den Fiat Ducato

Wir schreiben das Jahr 1985. Helmut Kohl regiert in Deutschland, in Russland wird ein gewisser Michael Gorbatschow Generalsekretär der KPDSU und Boris Becker gewinnt als erster Deutscher und jüngster Tennisspieler aller Zeiten das Grand Slam Turnier von Wimbledon.

Die junge Fahrzeuggattung Reisemobil hat Hochkonjunktur, viele deutsche Traditionshersteller bieten neben Caravans nun auch ein Reisemobilprogramm an. Mitte der 80er Jahre waren die Fahrgestelle der Reisemobile entsprechend dem technischen Stand der Basisfahrzeuge lediglich Leiterrahmen mit Starrachsen und Blattfedern. Mit dem begrenzten Fahrkomfort, der oft mangelhaften Fahrsicherheit und vor allem der zu geringen Zuladung dieser Fahrwerke war man bei Al-Ko nicht sonderlich zufrieden.

Der Fahrwerkspezialist Al-Ko aus Kötz befasste sich schon seit 1979 mit der Optimierung von Reisemobilen und erprobte verschiedene Fahrwerkslösungen. Und schaffte 1985 mit einem innovativen Chassis, dem amc-Chassis (Al-Ko-Motorcaravan-Chassis) für den brandneuen Fiat Ducato, den Durchbruch. Das Fahrwerk ist flach und baut hinten breiter als ein Serienchassis. Es ist extrem leicht und kann ohne Schweissarbeiten mit einer Schraubverbindung einfach an den Triebkopf angeflanscht werden.

Damit bietet es dem Aufbauhersteller die Möglichkeit, den gesamten Aufbau flacher zu halten und den Eingang ohne große Stufen zu realisieren. Dazu gibt es mehr Raum in der Wohnkabine und obendrein ergibt sich durch die Verwendung einer Einzelradaufhängung, einer aus dem Pkw-Bereich entliehenen Baukomponente, eine bessere Straßenlage und eine geringere Seitenwindanfälligkeit.

Seit 1979 in der Erprobung

Die Idee für ein Motorcaravan-Chassis entstand Ende der 70er Jahre, als die Wohnmobile anfingen die Welt zu erobern. Als Spezialist für Wohnwagen-Fahrgestelle traute sich Al-Ko auch zu, entsprechende “Untersätze” für Motorcaravans zu bauen. Das Entwickler-Team um Kurt Kober hatte klare Vorgaben im Lastenheft definiert: Die Chassis sollten für einen bequemen Einstieg tiefer und möglichst variabel für verschiedene Längen sein.

Und deutlich leichter, als die damals gängigen Rahmen der Basisfahrzeuge. Als Zugfahrzeug stand zunächst der Peugeot J 9 zur Verfügung, wobei am Beginn sogar ein eigener Zugkopf aus zugekauften Motoren und Getriebe von Al-Ko zusammengebaut wurde. 1979 stand der erste Prototyp eines Reisemobils auf dem Hof in Kleinkötz. Der Wohnmobilaufbau wurde später von einer italienischen Firma realisiert. Die ersten Versuchsfahrten wurden mit einem improvisierten Sitz und noch ohne Aufbau querfeldein in der ländlichen Umgebung durchgeführt. Dies war sicherlich abenteuerlich, die amc–Chassis Konstruktion bewährte sich jedoch hervorragend.

Mit dem aufgebauten Fahrzeug konnten dann die ersten Kunden besucht werden, zu denen auch der Erfinder des teilintegrierten Reisemobils, die Firma Bürstner im badischen Kehl zählte. Bürstner nutzte als erster Reisemobilhersteller das neue amc-Chassis von Al-Ko, um 1987 auf dem Caravan Salon in Essen ein aufsehenerregend schickes, teilintegriertes Reisemobil zu präsentieren. Bereits zu diesem Zeitpunkt handelte es sich beim Al-Ko amc-Chassis um ein geschraubtes Chassis, das ohne Schweißstellen auskam.

Mit dem Siegeszug des Fiat Ducato war ab dem Jahr 1985 ein ideales Basisfahrzeug für den Reisemobilmarkt gefunden. Mittlerweile hatte sich der Ducato auch zum am meisten eingesetzten Basisfahrzeug bei Wohnmobilen entwickelt. Folgerichtig war darauf hin auch die Entwicklung des Doppelachs-Chassis, damit auch für größere und längere Reisemobile ein passender Untersatz zur Verfügung stand. Die Nachfrage stieg derart schnell an, dass schon kurze Zeit später, im Jahr 1988, ein eigener Al-Ko Produktionsstandort in Ettenbeuren (Landkreis Günzburg) eröffnet wurde. Seitdem werden hier die sogenannte Triebköpfe oder Zugköpfe mit einem feuerverzinkten amc-Leichtbau-Chassis verheiratet.

Der Trick mit Gott Janus

Zu Beginn des Einsatzes vom Fiat Ducato als Basisfahrzeug wurden diese bei Al-Ko noch komplett angeliefert und mussten dort zersägt werden. Ein aufwändiges Verfahren, das viel Zeit und Geld kostete. Die Lösung brachte schließlich eine pfiffige Idee bei Al-Ko. Zwei Fahrzeuge sollten bereits ab dem Fiat-Werk Rückwand an Rückwand, quasi als Doppelkopf, miteinander verbunden werden und so zu Al-Ko geliefert werden. Durch diese pfiffige Transportweise konnten deutlich mehr Basisfahrzeuge pro Transport angeliefert werden und die aufwändigen Zusatzarbeiten entfielen.

Gewichtsoptimierung ist hochaktuell

Schon zu Beginn der amc–Chassis- Ära war Leichtbau immer ein wichtiges Thema. Und besonders seit Einführung der EU-Führerscheinregelungen mit einer Begrenzung auf 3,5 Tonnen gilt dies umso mehr. Mit dem Al-Ko amc–Chassis können im Vergleich zum Originalchassis deutliche Gewichtseinsparungen erzielt werden, was den Aufbauherstellern von Wohnmobilen mehr Spielraum hinsichtlich der Gestaltung trotz Einhaltung der 3,5 Tonnen-Grenze gibt.

Zudem können mit dem Al-Ko-Fahrwerk auch größere Reisemobile mit Bautypen wie Teilintegriert, Alkoven und Vollintegriert bis zu fünf Tonnen zulässiger Gesamtmasse mit einem Tandem-Fahrwerk problemlos und komfortabel realisiert werden. Als Erweiterung der Bandbreite konnte sich Al-Ko auch im durch Online-Handel boomenden Logistikbereich “Home-Delivery” stark etablieren.

Zeitstrahl - Die Entwicklungsgeschichte des Al-Ko-amc-Chassis in der Übersicht. (Grafik: Al-Ko)
Zeitstrahl – Die Entwicklungsgeschichte des Al-Ko-amc-Chassis in der Übersicht. (Grafik: Al-Ko)

Bereits ab 2014 konnten zahlreiche neue Kunden auch mit speziellen 3,5 Tonnen Transporter-Chassis für den Logistikbereich bedient werden, darunter auch viele Großkunden. Inzwischen ist Al-Ko längst Spezialist für individuelle Chassis-Baumaße und bietet ergänzend zu den vier Radständen, die Transporter-Hersteller in der Klasse bis 3,5 Tonnen zulässiger Gesamtmasse werksseitig bestenfalls im Portfolio haben, individuelle, bedarfsgerechte Radstände, Spurweiten und Überhänge an.

Heute werden die Al-Ko Chassis in den verschiedensten Basisfahrzeugen eingesetzt: Fiat Ducato, Peugeot Boxer, Citroën Jumper und VW Transporter. Seit 1985 erfolgt die Montage der amc-Chassis an die Basisfahrzeuge in Ettenbeuren, einer Nachbargemeinde von Kleinkötz. Die ersten Fahrzeuge mit amc-Chassis wurden noch in Kleinkötz montiert. Weitere Montagestätten sind heute Louhans (Frankreich), Southam (Großbritannien), Verona (Italien) und Melbourne (Australien).

Infos:  Zur Webseite von Al-Ko Fahrzeugtechnik

Claus-Detlev Bues

Claus-Detlev Bues

Claus-Detlev Bues ist seit Jahrzehnten in leitenden Funktionen als Fach-Redakteur in den Bereichen Caravaning, Off-Road und Outdoor tätig. Neben mehreren Print-Titeln verantwortet er nun auch als D.C.I - Chefredakteur die Online-Berichterstattung und betreut darüber hinaus die Bereiche Test und Technik. Aus seiner Feder stammen mehrere Sachbücher zum Thema Caravaning. In seiner Freizeit schraubt er gerne an Oldtimern und ist aktiver Selbst- und Ausbauer von Wohnmobilen, mit denen er in ganz Europa unterwegs ist.
Claus-Detlev Bues