Berge, Strände, viel saubere Naur und nette Menschen: Urlaub in Albanien zaubert ein Lächeln auf jedes Gesicht. (Foto: thw / D.C.I.)

Geheim-Tipp Albanien – Mit dem Wohnmobil durch das Land der Skipetaren

Reise, Tourismus, Urlaub, Wohnmobil

Seien wir mal ehrlich, Albanien hat nicht nur in Deutschland als Urlaubsland bestenfalls keinen Ruf. Eher überwiegen Vorurteile, obwohl noch kaum jemand dort war. Aber das könnte sich schon sehr bald ändern. D.C.I.-Osteuropa-Experte Dr. Thomas Wöhrstein kommt mit frischen – sehr positiven – Eindrücken von einer Albanien-Tour zurück.

„Was ist denn hier los?“ frage ich die Rezeptionistin des Campingplatzes Lake Shkodra Resort. Ein riesiger, für sicherlich 100 Personen gedeckter Tisch steht in der Mitte der großen, zentralen Wiese des Platzes. „Unser Premierminister Edi Rama war gerade zu Besuch bei uns“ kam die für mich überraschende Antwort. Ein Premierminister, der einen Campingplatz besucht – wo gibt es denn so etwas? Nun, hier in Albanien. Und das sollte beileibe nicht die einzige Überraschung während dieser Albanienreise im Frühsommer 2019 bleiben.

Es ist Anfang Mai, ein normaler Wochentag, und trotzdem stauen sich die Autos am montenegrinisch – albanischen Grenzübergang Han i Hotit bei der Ausreise aus Montenegro ohne ersichtlichen Grund weit zurück. Wie es hier während der Hauptsaison aussieht, das will man sich besser nicht vorstellen. Ganz anders auf der albanischen Seite, wo uns der junge, dynamische Zöllner routiniert in perfektem Englisch anspricht, die Pässe scannt, kurz einen Blick in den Camper wirft und uns dann mit einem freundlichen „Welcome to Albania“ in sein Land entlässt.

Zehn Kilometer vor Shkodra und direkt am großen Skadar See liegt das in einschlägigen Internetforen hoch gelobte Lake Shkodra Resort. Wie oft in Albanien sind kleine Nebenstraßen noch nicht asphaltiert und so sind die letzten zwei Kilometer zum Campingplatz eine staubige, holperige Angelegenheit. Der Platz selbst sprengt dann alle Erwartungen. Hier wird bereits guter europäischer Campingstandard erreicht und in Sachen Platz, das heißt zur Verfügung stehender Fläche, sogar noch weit übertroffen. Strom und Wasser gibt’s an jedem Stellplatz und hinter dem ausreichend dimensionierten, blitzsauberen Sanitärtrakt verbirgt sich eine Entsorgungsstation für Wohnmobile, wie wir sie qualitativ seit Kroatien nicht mehr gesehen haben.

Camping ist im Kommen

Auf einem separaten Platzteil befinden sich mehrere Glamping-Unterkünfte unterschiedlicher Art, Ausstattung und Preislagen, vom Tipi-Zelt über einen witzig hergerichteten Schäferwagen bis zum Luxushaus-Pfahlhaus für bis zu acht Personen. Das zum Campingplatz gehörende Restaurant direkt am Ufer des Skadar-Sees ist so gut und günstig, dass wir jegliche Kochaktivität während der nächsten Tage komplett einstellen. Alle Angestellten sprechen sehr gutes Englisch. Vom Platz aus werden geführte Touren in die nähere Umgebung organisiert, ebenso wie ein Shuttle Service in das nur mit geländegängigen Fahrzeugen zugängliche, noch sehr ursprüngliche, Theth-Tal.

Die nahe gelegene, lebendige und hübsch hergerichtete Stadt Shkoder lässt sich von hier aus leicht per Fahrrad oder für wenige Euro mit dem Taxi erreichen. Ein Tagesauflug dorthin lohnt unbedingt. Auf albanischer Seite ist das Lake Shkodra Resort derzeit die einzige Stelle, wo der See touristisch erschlossen ist. Das ist ziemlich erstaunlich, denn immerhin ist der größte Binnensee des Balkans fast so gross wie der Bodensee, herrlich gelegen, glasklar und sehr fischreich.

Fünfzig verschiedene Fischarten wurden im See gezählt, dazu rund 350 verschiedene Vogelarten, deren berühmteste zweifellos der riesige Dalmatische Krauskopfpelikan mit seiner Flügelspannweite von 2,5 Meter ist. Trotzdem ist kein Boot, keinerlei menschliche Aktivität auf dem riesigen Gewässer zu sehen. Mit seiner zerklüfteten Küstenlinie und vielen kleinen Inseln ist der Skadarsee eigentlich ein interessantes Kanu- und Kajakrevier, aber das scheint sich noch nicht herumgesprochen zu haben, so wie vieles, was es in Albanien zu sehen und zu erleben gibt.

Auf der Weiterfahrt nach Süden lassen wir die Metropole Tirana links liegen. Uns zieht es direkt zum Meer, auch weil über den Bergen dicke Regenwolken hängen. Die Hauptstraßen, die mit dem Kürzel SH und einer Nummer bezeichnet werden, präsentieren sich inzwischen in einem ausgezeichneten Zustand. Bis kurz vor der Küstenstadt Durres geht es durch hübsches aber unspektakuläres Farmland. Entlang der Straße kann man von Obst und Gemüse bis zu lebenden Hühnern und Ferkeln alles erwerben – Bio garantiert.

Anders als das benachbarte Montenegro versorgt Albanien sich weitgehend selbst mit landwirtschaftlichen Produkten, was sich durch gute Qualität und sehr günstige Preise bemerkbar macht. Überhaupt überrascht die albanische Küche mit einer für den Balkan großen Vielfältigkeit. Zu den aus den Nachbarländern schon bekannten Gerichten kommt hier noch ein nicht unerheblicher italienischer Einfluss, der dem kulinarischen Erlebnis sehr zustatten kommt.

An die Mittemeerküste

Bei Durres erreicht die hier autobahnartig ausgebaute SH 3 die Mittelmeerküste. Nachdem auf der Strecke zwischen Shkodra und Durres lediglich ein etwas provisorisch wirkender Campingplatz ausgeschildert war, findet man gleich wieder mehrere davon, sobald die Straße die Küste erreicht. Camping Vlore heißt der nächste Stopp nach lediglich 115 Kilometer, die zu absolvieren, inklusive einiger kürzerer Pausen, einen ganzen Tag ausfüllen. Trotz des überraschend guten Straßenzustands sind die gefahrenen Geschwindigkeiten ungewohnt niedrig. Zahllose Geschwindigkeitsbegrenzungen an jeder noch so kleinen Einmündung sorgen selbst auf nagelneuen Hauptstraßen für eine Durchschnittsgeschwindigkeit von unter 60 km/h. Die Polizei ist oft mit Radarpistolen präsent. Geringfügige Geschwindigkeitsüberschreitungen lässt man bei Touristen meist durchgehen. Darauf sollte man sich allerdings keinesfalls verlassen. Die starke Polizeipräsenz hat gute Gründe, denn die Albaner neigen zu einem risikoreichen Fahrstil und scheinen Verkehrsregeln eher als Empfehlungen zu betrachten.

Camping Vlore liegt direkt am Meer, hat einen schönen, fast weißen Kiesstrand und herrlich klares Wasser. Es ist ein typischer Durchschnittsplatz und in Bezug auf die Ausstattung stellvertretend für die derzeit herrschende Campingsituation in Albanien. Das Wohnmobil steht noch nicht, als schon ein junger Mann auf uns zugelaufen kommt und uns auf bestem Deutsch herzlich willkommen heißt. Binnen einer Minute bekommen wir eine Kurzbeschreibung des Platzes mit seinen unbestreitbaren Vorteilen natürlich inklusive freiem Wlan und den günstigen Endpreis gleich mit dazu. Der Platz ist ordentlich und sauber, dennoch strahlt er noch eine irgendwie sympathische “Provisorität” aus.

Will heißen – technisch ist vieles noch nicht perfekt, aber es ist ein ständiges Bemühen zu spüren, Dinge zu verbessern und dem Gast zuzuhören. Für den erfahrenen Camper offensichtliche Mängel verzeiht man daher gerne, nicht nur des günstigen Preises wegen, sondern auch, weil man spürt, dass die freundlichen Menschen in diesem Land mit sehr viel Eigeninitiative vorankommen wollen. Es ist nur eine Frage kurzer Zeit, bis sich Albanien bei Campern nicht mehr hinter dem erfahrenen, großen Nachbarn Griechenland verstecken muss. Wenn man bedenkt, dass Albanien noch bis vor gut zwei Jahrzehnten keinerlei Erfahrungen in Sachen Tourismus hatte, so ist diese Entwicklung absolut erstaunlich. Den nördlichen Nachbarn Montenegro hat man in Sachen Camping inzwischen bereits hinter sich gelassen und das, obwohl Montenegro eine sehr viel längere Tradition als Tourismus-und Camping-Destination hat.

Auf dem Llogara Pass

Die landschaflich herrliche, nach Vlore deutlich enger werdende, Küstenstraße erreicht auf dem Llogara Pass einen ihrer Höhepunkte. Bei guter Sicht zeigt sich in der Ferne schon das griechische Korfu. Der griechische Einfluss macht sich auf der Weiterfahrt nach Süden zunehmend und durchaus positiv bemerkbar. Er ist unverkennbar in der Architektur und auf den Speisekarten der Restaurants. Auch die Campingplätze scheinen sich mehr und mehr an den erfahrenen Verwandten im Süden zu orientieren. Trotzdem sind sie individuell noch sehr unterschiedlich. Camping Kranea kurz vor Himare ist ein schönes Beispiel. Der freundliche, kontaktfreudige Besitzer hat zuvor viele Jahre in Griechenland gelebt und seine Erfahrungen im Tourismus mit zurück in seine alte Heimat gebracht. Der hübsch parzellierte Platz strahlt absolute Wohlfühlatmosphäre aus.

Das dazu gehörende kleine Restaurant lässt unseren Kocher die nächsten vier Tage wieder einmal kalt bleiben. Unmittelbar am fast weißen Strand gelegen, in Fußgehentfernung zum kleinen Örtchen Himare, könnte man es hier auch bequem zwei Wochen lang aushalten. Individualität und die Handschrift des Eigentümers zeigen sich in ganz besonderer Ausprägung auf unserem nächsten Stopp nahe der lebendigen Hafenstadt Sarande.

Der kleine Camping Ksamil hat zwar verglichen mit seinem in Sichtweite fast am Strand liegenden Konkurrenten Camping Sunset einen eindeutigen Standortnachteil, gleicht diesen aber durch ein außergewöhnliches Konzept und eine besonders freundliche, familiär anmutende Atmosphäre und pfiffige Ideen aus. Wo sonst hat man schon mal Zelten auf dem Hausdach gesehen? Eine wirklich tolle, vermutlich einmalige Idee und das ist nur ein Beispiel von vielen, oder kennen Sie sonst noch einen Campingplatz mit von der Eigentümerin selbst handbestickten Klopapierhaltern?

Weltkulturerbe Gjirokaster

Zwei Wochen sind viel zu kurz für dieses kleine, aber unglaublich abwechslungsreiche Land am Mittelmeer. Mit einem ausgiebigen Zwischenstopp am Blue Eye Syri u Kalter, einer großen Karstquelle inmitten eines urwaldähnlichen Laubwaldes, führt der Rückweg jetzt landeinwärts zum Weltkulturerbe Gjirokaster. Albaniens langjähriger Diktator Enver Hoxha stammte von hier und erklärte die 20.000 Einwohner Stadt bereits 1961 zur Museumsstadt. Seit 2005 ist das Ensemble voller bestens erhaltener Wehrhäuser als UNESCO Weltkulturerbe gelistet. Man muss kein Kulturfan sein, um es hier, sowie in der darüber thronenden Festungsanlage, einige abwechslungsreiche Stunden lang auszuhalten.

Aus dem einen, in unserem Campingführer von 2018 verzeichneten Campingplatz bei Gjirokaster, sind inzwischen drei geworden. Kein Reiseführer kann mit der dynamischen Entwicklung im Land Schritt halten, selbst wenn er jährlich überarbeitet würde. Am aktuellsten zeigte sich die 4. Neuauflage des Albanien-Reisehandbuchs vom Hobo-Team. Inhaltlich deutlich umfangreicher, wenn auch nicht ganz so aktuell, ist die 3. Auflage des Albanien-Reiseführers aus dem Reise Know-How Verlag von 2018. Aus demselben Haus stammt auch eine sehr gute Straßenkarte handlicher Größe, die sich als Übersichtskarte bestens eignet, für ambitionierte Allrad-Wohnmobilisten im Hinterland allerdings nicht genau genug ist. Für diese Klientel empfiehlt sich die zwar unhandlich große, aber mit einem Maßstab von 1:150.000 extrem detaillierte, Straßenkarte aus dem Hause Freytag & Berndt. Aber auch mit einem ganz normalen PKW-Navigationsgerät kommt man in Albanien inzwischen fast überall hin.

Nur kurz darf unser Allradwohnmobil auf kleinsten Straßen und Pisten im Südosten des Landes zeigen, was ihn ihm steckt. Zu schlecht präsentiert sich das Wetter in den Bergen Südost-Albaniens in diesem außergewöhnlich regnerischen Mai. Ansonsten wäre das Angebot an geschotterten Nebenstrecken und unbefestigten Wirtschaftswegen, die vollkommen legal befahren werden dürfen, groß. Solche Strecken bringen den Individualreisenden in ein anderes, mindestens ebenso spannendes Albanien – das der vergessenen Bergregionen und abgelegenen Bergdörfer mit ihren unglaublich freundlichen Bewohnern. Zu einsamen Almen und durch fast menschenleere Naturlandschaften voller Anmut und Schönheit, wie man sie in Europa nirgendwo mehr vermuten würde.

Hier scheint die Zeit stillzustehen. Leider werden solche kaum befahrenen Schotterwege zunehmend befestigt und asphaltiert. Schade aus der Sicht des Touristen, verständlich aus der Perspektive der Landbevölkerung. Weniger verständlich erscheint allerdings das Vorhaben der Landesregierung, einen Großteil der derzeit noch fast ausschließlich naturbelassenen Flussläufe zu begradigen und zu stauen um „Ökostrom“ zu erzeugen. Hier werden dem CO2 Mammon die letzten natürlichen Flußläufe Europas mit ihrer unschätzbaren Biodiversität geopfert und das auch noch mit finanzieller Unterstützung der EU. Gleichzeitig wundert man sich über das weitgehende Fehlen von Solarkollektoren in einem Land mit durchschnittlich 260 Sonnentagen.

Berat – Stadt der tausend Fenster

Über ein weiteres absolut sehenswertes UNESCO Weltkulturerbe, “der Stadt der tausend Fenster”, Berat, treibt uns das regnerische Wetter zurück an die Küste zum Camping Pa Emer, südlich der Küstenstadt Durres. Die fast karibisch anmutende Atmosphäre in der großen Bucht von Durres bildet den denkbar größten Kontrast zur abgeschiedenen Bergwelt der letzten Tage. Gemeinsamer Anlaufpunkt für die Campingplatzbewohner ist das am Ende eines in die Bucht hinaus führenden, elegant geschwungenen Steges gelegene Restaurant. Hier treffen sich “normale” Wohnmobilisten mit der ambitionierten Offroad-Liga, bestehend aus Allradkastenwagen, potenten Expeditionsmobilen und Reise-Endurofahrern. Ich kann mich nicht erinnern, irgendwo sonst schon einmal eine derart heterogene Gruppe an Campern auf ein und demselben Campingplatz gesehen zu haben und alle von ihnen kommen in diesem außergewöhnlichen Land voll auf ihre Kosten.

Die Sprache ist meist kein großes Problem Sehr viele der älteren Menschen sprechen ein wenig Deutsch, die jüngere Generation ist perfekt in Englisch, aber auch Deutsch steht hin und wieder an den weiterführenden Schulen auf dem Stundenplan als zweite oder dritte Fremdsprache.

Im Theth Tal

Die Zeit drängt leider. Unser Buschtaxi-Camper darf noch zwei Tage “Schlamm-Wühlen”, auf der Fahrt ins abgelegene, bis heute nur mit geländegängigen Fahrzeugen zugängliche, Theth-Tal. Kurze Wolkenlücken zwischen heftigen Regenschauern erlauben vereinzelte Blicke auf die majestätische Bergwelt, die dieses ursprüngliche Hochtal umgibt. Die deutsche GIZ hat hier erfolgreich die Tourismusentwicklung des Tals begleitet, was bislang zu einer sanften, nachhaltigen Tourismusentwicklung geführt hat.

Keine Hotelanlage stört das authentische Landschaftsbild. Dafür bieten sich zahlreiche kleine und einfache Guesthouses, erbaut im landestypischen Stil, zum Übernachten an, nebst zweier sehr einfacher Campingplätze. Eher zufällig bemerken wir, dass wir uns hier in einem Nationalpark befinden. Ganz anders als im benachbarten Montenegro werden die immerhin 14 Nationalparks Albaniens touristisch noch überhaupt nicht beworben. Hier steckt noch ein erhebliches touristisches Potential, das zu aktivieren man den Verantwortlichen in diesem wunderschönen Land der freundlichen Menschen nur viel Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein wünschen kann.

Fazit

Wir verlassen nach knapp zwei Wochen Albanien überrascht, angetan und mit einem unglaublich guten Gefühl. Die latent auch in uns schlummernden Vorurteile sind von der Festplatte gelöscht. Wir kommen wieder, ganz sicher und zwar schon bald.

https://www.lakeshkodraresort.com/

http://albania.al/

https://camping-kranea.com/

https://sites.google.com/site/ksamilcaravancamping

http://www.kampingpaemer.com/de

https://www.hobo-team.de/

https://www.reise-know-how.de/de/produkte/reisefuehrer/albanien-47472


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Thomas Wöhrstein

Dr. Thomas Wöhrstein berät das D.C.I in Fragen des internationalen Tourismus und Recht. Er ist seit über 35 Jahren im Caravaning aktiv. Knapp zwanzig Jahre leitete er ein Tourismusplanungsbüro, bevor er ab 2010 als internationaler Tourismusberater tätig wurde. Seit 2011 lebt er abwechselnd auf dem Balkan und in Kanada. Dr. Wöhrstein ist international hervorragend vernetzt. Derzeit arbeitet er als Tourismusberater für das Tourismusministerium in Montenegro.
Thomas Wöhrstein