Die Krise gemeinsam meistern - Ramon van Reine ist Direktor von ACSI, einem der größten Camping-Spezialisten in Europa. (Foto: det / D.C.I.)

Die Krise gemeinsam meistern - Ramon van Reine ist Direktor von ACSI, einem der größten Camping-Spezialisten in Europa. (Foto: det / D.C.I.)

Im Gespräch – ACSI-Direktor Ramon van Reine – Die Tourismus-Krise gemeinsam meistern

Camping, Menschen, Niederlande, Personalie

Die Corona Pandemie hat tiefe Spuren mit immensen Schäden in der Tourismus-Branche verursacht. Ramon van Reine, Direktor des niederländischen Camping-Unternehmens ACSI, engagiert sich in Corona-Zeiten für seine Partner und Kunden und gibt Campingplatzbetreibern mehr als vier Millionen Euro in Form von Rabatten zurück. Das D.C.I. hat Ramon van Reine auf dem Caravan Salon 2020 zur aktuellen Lage befragt und ehrliche und aufschlussreiche Antworten bekommen.

1. Herr van Reine, die Tourismus-Branche hat schwer unter der Corona-Pandemie zu leiden. ACSI ist einer der größten europäischen Campingunternehmer, zugleich Tour-Operator und Buchungplattform. Wie waren die Auswirkungen für ihr Haus und wie hat ACSI die Krise in den Griff bekommen?

Antwort: In den ersten Monaten fiel unser gesamter Umsatz auf Null, und wir hatten sofort mit der Ausarbeitung von Szenarien angefangen. Letztendlich sind wir nun bei Szenario 8 gelandet und glauben wieder fest an die Zukunft. In der Zwischenzeit haben wir enorm Kosten gesenkt und die Regierung hilft uns mit Unterstützung bei den Lohnkosten. Um die kommende Zeit überbrücken zu können, mussten wir aber auch mit der Bank reden.

 

2. Wie haben die ACSI-Mitarbeiter im Haus die Krise gemeistert?

Antwort: Unsere Finanz- und Kundendienstabteilungen hatten es am schwersten. Einmal mit der Berechnung sich ständig ändernder Szenarien in den Finanzen und der Kundenservice mit einem regelrechten Tsunami von Buchungsstornierungen. Zwei Drittel aller unserer Buchungen wurden in diesem Jahr letztlich storniert.

3. Wie hat die Campingbranche auf die Krise reagiert und wie können Sie ihren Kunden, wie den Campingplatzbetreibern europaweit helfen?

Antwort: Genau wie wir, haben auch die Platzbetreiber in den ersten Monaten schlecht geschlafen. Denn ohne Urlaubscamper ist dann schnell das Ende der Fahnenstange erreicht. Ende Juni war klar, dass doch noch eine Saison stattfindet. Wir haben unseren 5.200 Werbekunden dieses Jahr geholfen, indem wir alle Online-Promotionen kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Nächstes Jahr werden sie zudem einen Rabatt auf ihr Medienbudget erhalten.

4. Ist ihr Engagement für die Kunden nicht eine immense finanzielle Belastung für ACSI?

Antwort: Das wird uns vier Millionen Euro kosten, für die uns die Bank schon grünes Licht gegeben hat. Wir unterstützen in dieser schwierigen Zeit die europäische Campingbranche und erwarten von ihr auch in Zukunft Engagement. Gemeinsam werden wir gestärkt daraus hervorgehen.

5. In den Fachmedien wurde unlängst kolportiert, dass renommierte Camping-Unternehmen ihre Partner-Campingplätze nicht mehr jährlich mit Inspektoren checken würden. Wie macht das ACSI in der Corona-Krise?

Antwort: Leider mussten wir uns auch dafür entscheiden, unser Inspektionsteam in diesem Jahr nicht rauszuschicken. ACSI ist der einzige Herausgeber von Campinginformationen, der in seiner 56-jährigen Geschichte von Anfang an jedes Jahr alle veröffentlichten Campingplätze besucht hat. Dieses Jahr wird das also eine Ausnahme sein! Nächstes Jahr wollen wir unsere 350 Inspektoren los schicken, um mehr als 10.000 Campingplätze in Europa zu besuchen.

Die Krise ist nur gemeinsam zu meistern –
wir brauchen uns gegenseitig!

6. Wie hat sich Corona auf ihre Print-Produkte wie die Campingführer ausgewirkt?

 Antwort: Wir hatten erwartet, dass der Verkauf dramatisch einbrechen würde. Das Gegenteil war der Fall. Wir rechnen mit etwa 45.000 nichtverkauften Campingführern. Bei einer Gesamtauflage von 749.000 Exemplaren ist das nicht schlecht! Der Verkauf entspricht daher fast dem von 2019.

7. Und auf die Buchungsplattform?

Antwort: Da hatten wir dieses Jahr ein Problem mit den Teilnehmerplätzen. Da sie genau wie wir mit einer riesigen Anzahl von Stornierungen und Buchungen klar kommen mussten, konnten sich viele Campingplätze nicht die Zeit nehmen, ausreichend Bestände für das ACSI-Buchungssystem freizugeben. Die diesjährigen Buchungen waren für die Campingplätze provisionsfrei.

Wir wachsen die letzten Jahren noch immer, und vor allem die Kombi-Produkte verkaufen sich immer besser. Also die Printausgaben zusammen mit der App. Innerhalb Europas wachsen wir auf dem deutschen Markt sehr stark, aber prozentual gesehen, lag das Wachstum in den letzten Jahren vor allem in Frankreich und Spanien. 

8. Wie sehen Sie die Entwicklung Print – und Digitalprodukte in ihrem Haus?

 Antwort: Die Entwicklung ist in diesem Jahr fast zum Stillstand gekommen, weil wir alle Hände voll zu tun hatten, die Krise zu bändigen. Außerdem sind wir von mehr als 200 auf 150 Mitarbeiter zurückgegangen. Nächstes Jahr werden wir erneut prüfen, welche Pläne unter Budget-Aspekten zu stemmen sind, denn die haben wir reichlich.

9. Hat sich die Campingbranche aus Ihrer Sicht durch die Krise wesentlich verändert, sehen Sie besondere Trends?

Antwort: In Zeiten von Corona bietet die Campingbranche an sich die sicherste Urlaubsform. Schon vor der Krise boomte die Branche, und jetzt gibt es eine große Gruppe von Urlaubern, die derzeit keinen Urlaub außerhalb Europas machen will. Die Leute suchen jetzt auch nach Urlaubsformen, die viel Raum bieten, um den notwendigen Abstand gut einhalten zu können und genau das bieten die meisten Campingplätze. Darüber hinaus verfügen die meisten Campmittel, Mietunterkünfte, Mobilheime oder gar Glampingzelte auf den Plätzen über eigene Sanitäreinrichtungen.

10. Welche Konsequenzen ergeben sich Ihrer Meinung nach für die Zukunft der Branche?

 Antwort: Die Recherchen, die wir in diesem Jahr unter deutschen, französischen und niederländischen Campern durchgeführt haben, ergaben, dass die meisten Camper auch ohne Impfstoff hätten fahren wollen. Aufgrund einer chaotischen Regierungspolitik dieses Jahr war das oft nicht möglich. Nun müssen wir nächstes Jahr auf vernünftige Entscheidungen unserer Regierungen warten, um sicherzustellen, dass die Camper wieder fahren können. Schließlich ist es Wahnsinn, sich nur auf die prozentualen Anteile der Infektionen zu konzentrieren, was zur völligen Schließung ganzer Länder führen wird.

Herr van Reine, vielen Dank für das informative Gespräch


Das Interview führte D.C.I.-Chefredakteur Claus-Detlev Bues


Vita Ramon van Reine
Zur Person
Ramon van Reine, geboren 1961, ist Unternehmer, geschäftsführender Direktor und Inhaber der Fa. ACSI Holding BV in Andelst/Niederlande. Er führt seit 1997 die Firma seines verstorbenen Vaters fort und machte sie zum führenden Campingspezialisten in Europa, die 1964 gegründet wurde und 1965 den ersten Campingführer herausbrachte. Er ist leidenschaftlicher Camper von Kindesbeinen an und war bis vor 17 Jahren als Vielseitigkeitsreiter im niederländischen Team. Ramon van Reine ist verheiratet und hat zwei Söhne.
Info ACSI
Campen mit ACSI ist jetzt seit über 50 Jahren ein Begriff. 1965 begann Europas Campingspezialist unter der inspirierenden Leitung von Ed van Reine, Vater des heutigen Direktors Ramon van Reine. Heute kann man seinen Campingurlaub nach eigenen Wünschen planen. Das war allerdings 1965 noch nicht so selbstverständlich. ACSI beschloss damals den Campern einen Überblick der beliebtesten Campingplätze anzubieten, damit die Campingfreunde nach einer langen Fahrt und guten Mutes nicht etwa vor verschlossenen Toren landeten. Die erste Ausgabe des ACSI Campingführers umfasste 55 Campingplätze und wurde zum Preis von einem Gulden verkauft. Darauf folgte ein zweiter, verbesserter Campingführer und das dritte Exemplar, mit mittlerweile 250 Campingplätzen war bereits eine gebundene Ausgabe. Es stellte sich dann sehr schnell heraus, dass die kleine, begeisterte Gruppe von ACSI Mitarbeitern nicht in der Lage war, alle Campingplätze zu besuchen. Die logische Konsequenz daraus war, dass ACSI die ersten Inspektoren anwerben musste, deren Aufgabe darin bestand, zunächst nur geeignete Campingplätze auszusuchen. Der ACSI Campingführer war bereits von Beginn an beim Publikum beliebt, unter anderem durch ACSI’s Teilnahme an Tourismus- und Campingmessen. Campingplätze ersuchten ACSI, gegen Bezahlung, zusätzlichen Text und Fotos im Campingführer zu schalten. Der Campingführer wurde ein Begriff unter Campern.
Infos: Zur Webseite von ACSI


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Claus-Detlev Bues