MdB Oliver Luksic ist Sprecher für Verkehr und digitale Infrastruktur der FDP im deutschen Bundestag. (Foto: Luksic)

MdB Oliver Luksic ist Sprecher für Verkehr und digitale Infrastruktur der FDP im deutschen Bundestag. (Foto: Luksic)

Im Interview – Oliver Luksic (MdB, FDP) zur Öffnung Caravaning und zu Perspektiven für die gesamte Branche

Camping, Corona, Personalie, Politik, Stellplatz

Urlaub dahoam?
– Reiseaussichten 2020 für die gesamte Campingbranche derzeit unklar –

Ein Interview mit Oliver Luksic, Sprecher Verkehr & digitale Infrastruktur der FPD-Fraktion im Deutschen Bundestag.

Viele Branchen waren in den vergangenen Wochen von den einschneidenden Lockdown-Maßnahmen der Bundesregierung betroffen und der erzwungene Stillstand trifft die Unternehmen hart. Besonders gravierend sind die Einschnitte für die Betriebe im Tourismus-Sektor, da nach dem abgesagten Saisonstart zu Ostern nun womöglich die gesamte Reise- und Urlaubssaison 2020 ausfallen könnte.

Die jetzige Reisesaison 2020 wird diejenige sein, die für Hotels, Gaststätten, Beherbergungsbetriebe und das gesamte wirtschaftliche Umfeld starke Einbrüche und in den Kassenbüchern schmerzliche Lücken hinterlässt, die auch nicht mehr aufgeholt werden können. Zur Erinnerung: Die Caravaning-Branche bietet aktuell etwa 77.000 Arbeitsplätze, hat einen Umsatz von 14,0 Milliarden Euro und handelt ungefähr 66 Millionen Übernachtungen pro Jahr. Viele Branchen-Insider haben momentan den Eindruck, dass die lokale Tourismus-Industrie für die Politik in Berlin von sehr geringem Interesse ist. Für uns vom D.C.I. sind natürlich ganz besonders die Stellplätze und Campingplätze im Fokus, welche ebenfalls von den Schließungen betroffen sind und keine Wohnmobilisten oder Caravaner  aufnehmen dürfen.

Die Branche ist in Aufruhr

Die Branche ist in Aufruhr. Nachdem man sich vier Wochen lang den allgemeinen staatlichen Vorgaben gefügt hat, drängen nun viele Stimmen aus der Branche auf Lockerungen für die Platzbetreiber. Schließlich ist Caravaning eine der sichersten Reiseformen in Corona-Zeiten und die Hygiene-Bestimmungen lassen sich in autarken Freizeitfahrzeuge mit eigenen Sanitär- und Kochgelegenheiten ganz besonders gut umsetzen. Zudem könne auf den typischerweise großzügig geschnittenen Anlagen der Stell- und Campingplätze das Prinzip der sozialen Distanzierung besonders wirksam umgesetzt werden.


Caravaning Industrie Verband e. V. CIVD – Arbeitskreis Reisemobiltourismus: “Der Reisemobiltourismus ist eine Urlaubsform mit maximaler Autarkie, die nach den aktuellen Corona-Schutzmaßnahmen die notwendigen Voraussetzungen für die Lockerungen in idealer Weise gewährleisten kann.”


Politik kann die entscheidenden Impulse liefern

Eines ist allen Beteiligten klar: Nur die Politik kann den entscheidenden Impuls geben, damit die Wirtschaft wieder aus dem Lockdown durchstarten kann. Wir sprechen mit dem Sprecher für Verkehr und digitale Infrastruktur der FDP im Deutschen Bundestag, Oliver Luksic, über den Status Quo und die so dringend gesuchten Perspektiven für die Caravaningbranche.

Frage: Herr Luksic, Deutschland steht still, aber manche Bereiche stehen stiller. Ist es gerechtfertigt, dass Stellplatz- und Campingunternehmer jetzt fordern, die Plätze für die mobilen Reisegäste – unter den bekannten Auflagen – zu öffnen?

Antwort: Die im März getroffenen Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus waren richtig und wichtig. Seitdem wurden gute Fortschritte gemacht und die Lage hat sich zum Glück langsam gebessert. Gleichzeitig sind die Auswirkungen des Virus gerade in der Reise- und Übernachtungsbranche verheerend. Meiner Meinung nach braucht es daher jetzt einen klar abgestuften Öffnungsplan, wie ihn auch die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina empfiehlt. Hierzu zählt perspektivisch auch die Öffnung von Camping- und Stellplätzen. Solange sorgfältige Abstands- und Hygienestandards eingehalten werden, muss auch hier bald eine zeitnahe bundesweite Lösung möglich werden. Einzelne Bundesländer gehen hier bereits voran. In Schleswig-Holstein etwa können Dauercamper nach Aussage von Tourismusminister Bernd Buchholz (FDP) ab dem 4. Mai die Campingplätze wieder nutzen. Ähnliche Regelungen sind auch andernorts vorstellbar.

Frage: Wie sehen Sie das Argument, dass Stellplätze und Campingplätze gerade jetzt einen entscheidenden Vorteil gegenüber klassischeren Urlaubsformen wie Hotels oder Kreuzschiffen besitzen, da man auf Plätzen weitgehend autark urlauben kann, bei An- und Abreise im eigenen Haus auf Rädern sehr gut Distanz zu Mitmenschen wahren kann und außerdem typischerweise Ehepaare, Lebensgemeinschaften oder Familien – also genau die Zielgruppen – die jetzt schon per Gesetz Kontakt haben dürfen, zusammen reisen?

Antwort: Die Wahl der Unterkunft überlasse ich ganz liberal jedem Einzelnen. Aber Fakt ist, das wir in diesem Sommer ein anderes Reiseverhalten erleben werden, als wir es gewohnt sind. Die Verlängerung der aktuellen Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für Auslandsreisen, vorerst bis zum 14. Juni, macht deutlich, gerade Fernreisen werden in diesem Jahr nur sehr beschränkt möglich sein. Camping und Caravaning bieten aufgrund ihrer Individualität sicherlich besonders gute Möglichkeiten die jetzt notwendigen Schutzmaßnahmen umzusetzen. Aber auch in Ferienwohnungen und Hotels sind Lösungen möglich.

Frage: Das D.C.I. hat gemeinsam mit dem Branchenführer Al-Ko Fahrzeugtechnik vor wenigen Tagen eine Umfrage unter Mobilreisenden durchgeführt in der 28 Prozent erklärt haben, das Reisejahr 2020 ausschließlich in Deutschland zu verbringen. Österreich hat bereits die Öffnung seiner Hotels ab dem 29. Mai angekündigt und außerdem will man deutsche Gäste einreisen lassen. In den Niederlanden hat gar ein erster Reisemobil-Stellplatz offiziell wieder geöffnet. Wie stellt sich denn die Lage europaweit dar? Wird eine europaweite Regelung angestrebt oder bleibt es beim regulatorischen Flickenteppich in den einzelnen Ländern?

Antwort: Im Gegensatz zur Problematik bei Fernreisen halte ich eine europäische Lösung für Urlaub in unseren Nachbarländern für sehr wichtig und notwendig. Solange auch hier die notwendigen Standards gewährleistet sind spricht wohl nichts gegen die Fahrt nach Holland oder Österreich. Davon profitieren neben Camping und Caravaning auch der Einzelhandel und die Gastronomie. Nach den Wochen mit Kontaktverboten, Homeoffice oder anderweitigen Einschränkungen wäre dies ein wichtiges Symbol für den Weg zurück zur Normalität und für die europäische Zusammenarbeit.

28 Prozent wollen 2020 nur in Deutschland Urlaub machen. Für 80 Prozent bleibt Mobilurlaub beliebt oder wird attraktiver. (Grafik: D.C.I./AL-KO)
28 Prozent wollen 2020 nur in Deutschland Urlaub machen. Für 80 Prozent bleibt Mobilurlaub beliebt oder wird attraktiver. (Grafik: D.C.I./Al-Ko)

Frage: Gibt es von ihrer Seite aus Forderungen an die handelnden Minister, welche Maßnahmen nun zu treffen sind, um die Tourismusindustrie und das touristische Reisen wieder in Schwung zu bringen?

Antwort: Die FDP-Bundestagsfraktion erarbeitet gerade einen Antrag zum Thema Öffnungsstrategie im Tourismusbereich. Dieser dürfte in den kommenden Wochen ins Plenum des Bundestags kommen und debattiert werden. Schwerpunkt ist hier die Schaffung von Planungssicherheit für Reisegäste und die betroffenen Wirtschaftszweige. Ein realistischer Öffnungsplan muss so schnell als möglich veröffentlicht werden, um den Schaden zumindest zu begrenzen. Gerade für Campingplätze und Wohnmobilstellplätze sehen wir hier, wie bereits gesagt, gute Chancen zeitnah Öffnungen zu ermöglichen. Dabei gilt es willkürliche und unbegründete Grenzen wie die 800 Quadratmeter-Grenze für Geschäftsöffnungen hier zu verhindern. Öffnungen sind denkbar, wenn sachgerechte Abstands- und Hygienekonzepte vorgelegt und umgesetzt werden.

Frage: In der aktuellen Situation haben wir gesehen, dass viele Staaten und in Deutschland die einzelnen Bundesländer jeweils eigene Wege mit eigenen Umgangsregeln beschlossen haben. Die Europäische Union ist öffentlich so gut wie gar nicht in Erscheinung getreten. Können wir bereits jetzt etwas aus der Krise und dem Umgang damit lernen? Muss alles auf lokaler Ebene entschieden werden, oder brauchen wir mehr Kompetenz auf Bundesebene?

Antwort: Der Föderalismus hat auch in der Krise im Großen und Ganzen funktioniert. Aber natürlich ist es nur schwer zu vermitteln, wenn zwischen Bundesländern unterschiedliche Bestimmungen herrschen und beispielsweise bestimmte Geschäfte hier öffnen, dort aber nicht. Die Europäische Union wiederum verfügt nur über wenige Kompetenzen beim Bereich Gesundheitsschutz. Hier wird man in Zukunft, gerade beim Thema Medikamentenversorgung und Herstellung in Europa, mehr machen müssen. Man muss nach Ende der Coronakrise sicher noch einmal analysieren, wo es Probleme gab und inwieweit es besser ginge.

Frage: Was halten Sie vom aktuellen Drei-Stufen-Plan aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg zum Wiederanfahren von Tourismus, Gastronomie und Hotellerie? 

Antwort: Die angekündigte, klar gestufte Öffnungsperspektive dieser drei Bundesländer begrüße ich. Gerade in den genannten Branchen ist eine gut geplante Öffnung in Teilschritten sinnvoll. Andernfalls droht hier der Kollaps ganzer Wirtschaftsbereiche. Durch die geplanten strikten Abstandsregeln, Hygienevorgaben und Registrierungspflichten dürfte ein gutes Verhältnis zwischen Gesundheitsschutz und Rückkehr zur Normalität gewährleistet sein. Natürlich muss die Einteilung der verschiedenen Branchen in Bezug auf die Öffnungsstufen genau abgewogen werden. Eine bundesweite Abstimmung auf möglichst konkrete Öffnungsschritte mitsamt eines klaren Zeitplans würde mich zudem noch deutlich mehr ansprechen, als der genannte Drei-Stufen-Plan.

Krise ist auch eine Zeit der Chancen

Frage: Die Betriebe im Bereich Camping hinken digital aber mitunter noch weit hinterher, wenn es um automatisierte Buchungssysteme, kontaktlose Bezahlmöglichkeiten oder autonome Zufahrtsmöglichkeiten auf die Stell- und Campingplätze geht. Sie sind auch der Sprecher für digitale Infrastruktur ihrer Fraktion. Ist Corona auch die Chance für alle Bereiche den digitalen Schwung sinnvoll zu nutzen. Kann der Staat den Betrieben – insbesondere aus unserer Branche – dabei helfen? Wie?

Antwort: Die Digitalisierung erlebt gerade bundesweit einen enormen Schub. Im Bildungsbereich, bei der Arbeit und an vielen anderen Stellen werden aktuell Prozesse digitalisiert und neu gedacht. Das ist für viele Branchen, etwa auch für Camping und Caravaning, eine große Chance. Auch bei den Fahrzeugen selber erleben wir ja eine immer stärkere Digitalisierung durch die vielen nützlichen Assistenzsysteme. Gleichzeitig muss man aber auch festhalten das Deutschland bei der digitalen Infrastruktur, gerade beim Thema Breitband, in Europa eher in der unteren Tabellenhälfte unterwegs ist. Hier braucht es dringend mehr Schwung von Seiten der Bundesregierung, um die digitalen Möglichkeiten unserer Zeit auch vollumfänglich nutzbar zu machen.

Frage: Nochmals zu den Forderungen der Platzbetreiber auf zeitnahe Öffnung der Camping- und Stellplatzanlagen. Denken Sie, dass beispielsweise das Phasen-Modell von Mecklenburg-Vorpommern, das 4-Stufenmodell des BVCD oder die Konzeptpapiere des CIVD und DTV die Politik bewegen können, Reiseverkehr schneller wieder zu ermöglichen?

Antwort: Ich glaube, dass es wichtig ist, das Fachverbände die Probleme und Lösungsvorschläge ihrer Branchen sammeln und der Politik zur Verfügung stellen. In der Praxis sieht man die Probleme meistens klarer und kann dadurch auch Denkanstöße für gesetzliche Lösungen weitergeben. Die bereits genannten Modelle bieten dann eine gute Basis, um gemeinsam die besten Lösungen zu finden. Gerade für Camping und Caravaning wird das hoffentlich eine baldige, sichere Öffnung sein.

Herr Luksic, wir danken Ihnen für das Gespräch!


Infos: Zur Webseite von Oliver Luksic

Infos: Zur Webseite des BVCD und dessen Strategiepapier

Infos: Arbeitskreis Reisemobil-Tourismus  – gemeinsame Aktion vom CIVD, ADAC, DTV und Branchenexperten


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Thomas Schmies