Nur mit Zikaden und einem schwarzen Eichhörnchen auf der Steineiche musste sich der rote NIU seinen Parkplatz mit toller Aussicht teilen. (Foto: hcb)

Nur mit Zikaden und einem schwarzen Eichhörnchen auf der Steineiche musste sich der rote NIU seinen Parkplatz mit toller Aussicht teilen. (Foto: hcb)

Praxis-Test Zubehör – Test-Tagebuch Teil 3 – NIU E-Roller M1 Camper

Dauertest, E-Mobilität, Frankreich, Motoroller, NIU

Der NIU Camper M1 auf großer Testfahrt in Frankreich

Ende September verlässt der NIU Camper, unser Akku betriebener „Mitarbeiter“, erstmals die heimischen Gefilde rund um Königswinter und stellt sich dem wohl wichtigsten Test in seiner bisherigen Laufzeit. In der Heckgarage eines Chausson-Wohnmobils geht es mit der D.C.I. Redaktion auf Tour Richtung Südfrankreich. Kann der NIU auch beim Caravaning all die Vorteile ausspielen, die ihn zu Hause zu einem unentbehrlichen Kurzstrecken-Sprinter gemacht haben?  

Transport

Ohne die beiden Spiegel wirkt unser „roter Stromer“ noch ein wenig kleiner, aber diese einmalige und ohne Werkzeug auszuführende Schönheitskorrektur konnten wir dem NIU-Flüsterroller nicht ersparen. Die Absprache unter allen Reise-Beteiligten war vollkommen klar – wer mit uns auf Reportagetour will, muss aus Platzgründen den Bauch einziehen und sich möglichst klein machen. In vorderster Front verlangen dies nämlich die offenen Breiten und Höhen der gängigsten Stauraumklappen. 60 Zentimeter Breite und 110 Zentimeter Höhe sollten es schon sein, damit nicht nur der breiteste Teil des Rollers, der Lenker, sondern das komplette Gefährt problemlos das Nadelöhr Laderaumluke passieren kann.

Mit dem Gesamtgewicht von rund 50 Kilo kommt man im Prinzip alleine klar, Hilfe und Unterstützung durch eine weitere Person machen die Verladung und Sicherung des NIU natürlich deutlich einfacher. Zwei Spanngurte, vier Zurrösen am Boden, zwei Decken und eine Schaumstoffmatte später hatte der rote NIU seinen Logenplatz in der Heckgarage des Chausson Reisemobils eingenommen, den er sich mit einem E-Bike, vier Stühlen und einem Tisch teilen musste.

Ohne Murren und Klagen übrigens über die lange Anreise auf Autobahnen, Landstraßen und holperigen Feldwegen. Kein hohes Gewicht, kein Klappern, kein Benzingestank, keine Öltropfen auf dem Boden – schon Verladung und Transport unseres zukünftigen Campingplatz-Brötchentaxis machen richtig Spaß.

Dauerlauf

Um unter absolut realistischen Bedingungen unseren roten Stromabnehmer aus China im Camping-Alltag zu testen und auf die Probe zu stellen, haben wir uns einen wirklich einsam und fernab jeglicher Infrastruktur gelegenen Campingplatz in der Haute Provence als Ziel gewählt. Von hier aus überträgt der Weg zum nächsten Baguette-Laden rund 12 Kilometer auf den Digitaltacho des NIU, zur nächst größeren Stadt mit einem akzeptablen Supermarkt sind rund 18 Kilometer abzuspulen und die nächste Sehenswürdigkeit liegt auf einem rund 1.700 Meter hohem Berg mit einer 17 Kilometer langen, steilen und kurvenreichen Auffahrt.  Soweit die grundlegenden Testbedingungen, denn an täglich frischem Baguette geht natürlich kein Weg vorbei.

Rucksack

Die bekannte Regel in Frankreich, das Mittelstück vom Baguette möglichst nicht zu essen, weil Baguette normalerweise mittig unter der Achselhöhle transportiert wird, diese Regel gilt beim Einkauf mit dem NIU auf jeden Fall nicht. Hier muss alles, auch das französische Stangenbrot,  mit einem Rucksack transportiert werden, denn, und das ist einer der größten Nachteile des M1 Camper, es gibt keine sichere Transportmöglichkeit für private Dinge oder Einkäufe.

Den mickrigen Taschenhaken zwischen USB-Anschluss und Zündschloss sollte man nicht nutzen, jede Tasche macht sich dort selbstständig, engt den Fußraum ein und stört während der Fahrt.  Der Stauraum unter der Sitzbank ist das alleinige Reich des Akkus, lediglich die Fahrzeugpapiere und zwei kleine Taschentücher lassen sich mit einigem Geschick unter dem Sitz noch verstauen. Hier muss sich NIU dringend etwas einfallen lassen, sei es ein zweiter Sitz, ein Gepäckständer hinten oder die Halterung für einen Case. Der größere Bruder vom Camper hat diese Vorrichtung, doch der ist auf Grund seiner Abmessungen und des Gewichts nur sehr bedingt „reisemobil-tauglich“.

Volltanken

Womit das leidige Thema Einkaufen und Transport nur per Rucksack zwar prinzipiell abgehandelt ist, über die finale Reichweite des Rollers mit perfekt geladenem Akku sollten aber noch einige Bemerkungen angefügt werden. Da der Roller auf dem rund 800 Meter über Meereshöhe gelegenem Camp von Menschen mit unterschiedlichen Körpergewichten gefahren und getestet wurde, ergeben sich auf Grund der „Beladung“ naturgemäß auch verschiedene Reichweiten, wobei die Aufladezeiten für einen komplett „platten“ Akku in jeder Testphase zwischen 5,5 und sechs Stunden betragen haben.

Wegen der extrem starken Erwärmung des Ladegeräts während der Ladezeit sollte man Ladegerät und Batterie nicht unbedingt auf dem Wohnzimmertisch positionieren. Der tägliche Weg zum Bäcker (12 x 2=24 Kilometer) oder zum Supermarkt (18 x 2=36 Kilometer) ist bei jeder Belastung / Beladung und voll geladenem Akku ohne Schwierigkeiten möglich. Auf gerader Strecke ohne große Höhenunterschiede sind vom Powerpak unter der Sitzbank Reichweiten von 45 – 55 Kilometer je nach Körpergewicht und Zuladung  problemlos zu erwarten.

Komplizierter wird die Sache bei längeren Steigungen. Und für diesen Test haben wir uns eine ganz besondere Gemeinheit ausgedacht – nicht um unseren roten Freund mit dem rund acht Kilo schweren Kraftwerk unter der Sitzbank zu ärgern, sondern um einmal ganz realistisch an die Grenzen der E-Mobilität zu gehen. In direkter Nachbarschaft zu unserm Camp erhebt sich der „Signal de Lure“ in den provencalischen Herbsthimmel. Der als kleiner Bruder des durch die Tour de France weitaus bekannteren Mont Ventoux bezeichnete Berg weist mit einer Gipfelhöhe von 1.745 Meter schon ganz ordentliche Dimensionen auf und scheint uns bestens geeignet, die Akkukapazität des NIU Camper einmal im absoluten Grenzbereich zu testen.

Nagelprobe

Mit vollgeladenem Akku und 100 Prozent Ladungsanzeige auf dem Display legen wir, begleitet von einem E-Bike, die 18 Kilometer vom Camp bis zum Beginn der Serpentinenauffahrt zum „Lure“ in gemütlichem Tempo zurück und starten die „Bergetappe“ am frühen Nachmittag bei 78 Prozent vorhandener Akkuleistung. Exakt 17 Kilometer mit einer durchschnittlichen Steigung von rund acht Prozent und 1.000 Meter Höhenunterschied liegen bis zum Pass vor dem Gipfel vor uns.

Kraftvoll, zügig und ohne Probleme zieht der Elektromotor den Roller plus Beladung (85 Kilo) den Berg hinauf, eine Serpentine folgt der nächsten, die Sicht ins Tal wird immer schöner. Die Geschwindigkeit liegt im Schnitt bei 31 km/h, wobei der „Gasgriff“ immer bis zum Anschlag durchgezogen bleiben muss. Nach knapp einer Viertelstunde und rund 10 Kilometer Bergfahrt liegt die Kapazität des Akkus nur noch bei 42 Prozent, es wird immer klarer, dass unser roter Kumpel die Strecke bis zur Passhöhe mit dieser Stromreserve auf keinen Fall schaffen wird. Nicht nur für die kurvenreiche Talfahrt, auch für die 18 Kilometer zurück zum Camp brauchen wir noch Batteriereserven.

Bei nur noch 27 Prozent Leistung auf dem Display brechen wir daher endgültig den Versuch ab, spekulieren im Geheimen auf die Rekuperation/Energierückgewinnung beim Bremsen bergab und machen uns auf den Rückweg ins Tal. Exakt drei Prozent Energie konnten mit der hydraulischen Scheibenbremse vorne und der Trommelbremse hinten dem Akku wieder zugeführt werden, das müsste ganz knapp bis nach Hause reichen!

Mit der nach weiteren fünf Kilometern auf gerader Straße automatisch eingeschalteten Stufe eins des Motormanagements, die für eine deutliche Reduzierung von Kraft und Geschwindigkeit sorgt, erreichten wir unser Camp mit unter zwei Prozent Akkuleistung gerade noch soeben im Schritttempo. Das war knapp, aber jetzt können wir realistisch und für die Zukunft einschätzen, welche Strecken für welche Ausflüge in die Umgebung unter welchen Voraussetzungen für den NIU Camper wirklich machbar sind. Eine wertvolle Erfahrung für alle Seiten, die den roten „Akku-stiker“ eigentlich noch sympathischer machte.

Fazit

Der NIU ist beliebt, durchzugskräftig, alltagstauglich und umfasst ein tolles Leistungspaket. Vom D.C.I. erhält er eine Superbenotung, denn…

…nicht nur die Gesamtzahl von über 400 gefahrenen Kilometern während der wenigen Testtage sind ein deutlicher Beweis für die Beliebtheit des kleinen roten Flitzers in der Redaktion und im Campingbetrieb unterwegs. Handlichkeit, Sicherheit, Funktionalität, Einsatzbereitschaft und Fahrspaß werden ergänzt durch optimales Gewicht, flüsterleisen, kraftvollen Antrieb, hervorragende Fahreigenschaften, signifikante Bremsleistungen und innovative Technik sowohl bei Verarbeitung, als auch beim Bosch- Motor und der Digital- Beleuchtung.

Der NIU Camper M1 als nicht nur optische Ausnahmeerscheinung nimmt in dem stetig wachsenden Segment der Elektro-Roller auch in Zukunft ganz sicher eine Spitzenposition ein und würde von der Redaktion des Deutschen Caravaning Instituts mit einer deutlichen “Eins Plus” bewertet, wenn es der innovative und zukunftorientierte Konzern in China schaffen würde, die Reichweite und das Platzangebot des Camper-NIU´s zu verdoppeln.

HIER geht´s zu Teil 1 des Dauer-Tests NIU Elektroroller

HIER geht´s zu Teil 2 des Dauer-Tests NIU Elektroroller 

Infos:  Zur Webseite von NIU

 

Hans-Christian Bues

Hans-Christian Bues

Hans-Christian Bues, geboren in Bad Harzburg, lebt und arbeitet als Journalist, Reiseschriftsteller und freier Autor in Königswinter am Rhein. Für seine Reportagen, Reiseerzählungen und Abenteuerromane war er neben dem kanadischen Yukon Gebiet in Alaska, Amerika, Asien, Australien, Russland und vielen anderen Länder der Welt unterwegs. Er ist ein langjähriger und erfahrener Reisemobilist, schreibt regelmäßig Fahrzeugtests und betreut für das D.C.I den Bereich Freizeit, Reise und Touristik.
Hans-Christian Bues